Ein kleines, abgeschiedenes Dorf im nördlichen Schweden liegt an diesem Abend besonders geheimnisvoll in der Dunkelheit. Dicke Schneeflocken rieseln um die Wette und lassen fast keinen Blick erhaschen auf die mit Sternen überfüllte Himmelsdecke.Kaum ein Fremdling verirrt sich nach Kiruna, mit Ausnahme einiger abenteuerlicher Touristen, die ihre Ferien damit verbringen, ihr Glück in Schneewanderungen durch Schweden zu suchen. Die Bewohner von Kiruna sind einfache, hart arbeitende Leute und doch verrichten sie die täglichen Dinge mit einer ruhigen und gemütlichen Art. Jeden Tag im Kampf gegen die Schneemassen, haben sie für die Touristen nur ein ungläubiges Kopfschütteln übrig. Doch die „förryckt“, wie die Dorfinsassen sie gerne liebevoll nennen, werden respektvoll und zuvorkommend behandelt. Denn entweder mag man Kiruna oder man zählt jede Minute bis die Dampflokomotive wieder pfeifend und schnaufend zurück in die Zivilisation fährt. Damit sind meistens Geschäftsleute gemeint, die vorher in ihrer Heimatstadt mit Zündhölzer unter den Mitarbeitern auslosen, wer dieses Mal jedermans Bedauern und Schadenfreude ertragen muss, bis die Reise in das verhasste, einsame und langweilige Gebiet losgeht. Für diese Stadtmenschen haben die Kirunaer kein freundliches Wort übrig. Sie ignorieren sie rigoros und wenn nötig hält das ganze Dorf dicht zusammen und vertreibt den Eindringling mit den unmöglichsten Methoden. Doch schlechtes Gewissen haben sie dabei wirklich nicht, weil eigentlich sind sie doch ganz nette Menschen!

Das findet auch die siebenjährige Sophie, die zusammen mit ihrer Familie am Waldrand ein altes, notdürftig renoviertes, aber doch durch und durch gemütliches Bauernhaus bewohnt.

An dem heutigen, lang ersehnten Heiligen Abend ist die warme Stube wieder einmal voller Leben. Das flackernde Feuer knistert im Cheminée wie ein neu komponiertes Lied als Begleitung zu dem eifrigen Geschehen. Endlich, nach 24 Tagen zählen, darf Sophie mit ihrer Mutter den Weihnachtsbaum schmücken. Das zärtliche Ermahnen, vorsichtig eine Kugel nach der anderen in die Hand zu nehmen, wäre gar nicht nötig gewesen. Trotz dem Eifer des kleinen Mädchens, übernimmt sie ihre Aufgabe mit grosser Sorgfalt. Sie war so konzentriert am Werk, dass ihre Backen angefangen haben zu glühen.

In der Küche nebenan hört man den Vater gedämpft mit Sophies Zwillingsbrüdern spielen. Die beiden sind noch ganz klein. Es war eine Riesenaufregung für das Mädchen, als die beiden neuen Familienmitglieder zur Welt kamen. Sie selbst hat sich das Versprechen gegeben, als ihre grosse Schwester die zwei immer zu beschützen.

Schon fast alle Kugeln erstrahlen in dem gedämpften Licht und künden das bevorstehende Fest an. Sophie ist für den unteren Teil des Baumes verantwortlich und ihre Mutter für den oberen. Nachdem das Kind trotz Strecken die obersten Äste nicht erreichen konnte, hat sie grosszügig beschlossen, dass die Mama doch auch ein wenig mithelfen darf bei dieser wichtigen Arbeit.

Gerade verteilen sie zu guter Letzt die vielversprechenden Engelshaare, als Sophie voller Entsetzen ausruft: „Mom, das Wichtigste haben wir ja vergessen! Unser schöner Tannenbaum hat noch gar keine Weihnachtsspitze!“ „Oh, Sophie, da hast du wirklich gut aufgepasst. Geh sie doch noch schnell holen, sie ist im Keller bei den anderen Kartonschachteln.“ Rasch huscht die kleine Gestalt die dunkle Treppe hinunter in den Keller, nach einigem Herumwühlen ist das gewünschte Stück gefunden. Schnell trägt sie die Schachtel mit dem kostbaren Schatz hinauf. Sie stösst die Wohnzimmertür ungestüm auf und ruft freudig aus: „Schau, jetzt …“ Doch das Satzende blieb ihr in der Kehle stecken. Der Baum steht unversehrt und mit seiner ganzen Ruhe an seinem Platz. Das Licht des Feuers wirft in immer wieder neuen Formen Schattenbilder in den Raum. „Doch wo ist meine Mom?“ denkt die kleine Sophie. „Wir wollen doch den wichtigsten Teil von unserem geliebten Weihnachtsbaum mit dem wertvollen Schmuck krönen.“ Sie setzt ihren Weg fort in die Küche, vielleicht ist sie bei ihrem Papa in der Küche. Doch dieser sitzt alleine am Tisch und studiert die Ereignisse der Welt in der grossen schwedischen Tageszeitung. „Papa, wo ist denn die Mom“ fragt das Kind mit kläglicher Stimme.

„Die Zwillinge müssen unbedingt ins Bett gebracht werden, aber sie kommt sicher gleich wieder runter“, antwortet der Vater abgelenkt. Sophie bleibt noch einen Moment inmitten der Küche stehen und starrt ihn ungläubig an. Der Familienvater hebt seinen Blick von der Zeitung und fragt sein Töchterchen: „Alles in Ordnung, meine Kleine?“ Doch bevor er eine Antwort erhält, hat er sich schon wieder in seine Lektüre vertieft.

Mit gesenktem Kopf geht Sophie zurück in das Wohnzimmer. Sie setzt sich auf den sonst so bequemen Schaukelstuhl und beschliesst, tapfer zu warten. Die Zwillinge schlafen sicher bald, dann hat Mama ganz für mich alleine Zeit.

Doch jede Minute dehnt sich zur Stunde. Das Schaukeln bereitet ihr heute überhaupt keine Freude. Ratlos schaut sie im Zimmer herum. Was könnte ihr die Zeit vertreiben? Schliesslich fangen die vielen Päckchen ihre Aufmerksamkeit. Sie wurden alle mit viel Liebe in glitzerndes, rotes Geschenkpapier eingepackt. Das dort hinten ist sicher ihres! Es sieht schwer aus und hat genau die Grösse für ihre lang ersehnten Schlittschuhe. Ihre braunen Knopfaugen fangen an zu leuchten in der Vorstellung, wie sie es auspackt und mit einem kleinen Freudenschrei das neue Paar an sich drücken wird. Sophie gähnt laut auf. Heute dauert dies aber wirklich lange, bis ihre Brüder einschlafen! Langsam geht sie im Raum auf und ab, dreht eine Runde um das lang gestreckte Sofa und hält schlussendlich wieder inne vor ihrem wunderschönen Baum. Aber irgendwie ist es nicht mehr das gleiche Gefühl, als sie so einsam da steht. Wieder fallen ihre Augen auf die Päckchen. Was ist, wenn sie sich täuscht und das Grosse für ihren Bruder ist? Unweit davon entfernt liegt nochmals genau das gleiche. Ja, klar, Zwillingen muss man immer dasselbe schenken. Aber welches ist dann für mich? Eifersucht umfasst ihr kleines, sonst so liebendes Herz wie eine schwarze, eisige Hand. Die Mama bringt auch zuerst ihre Geschwister ins Bett, bevor sie mit ihr fertig den Weihnachtsschmuck anbringt. Trübe Gedanken fangen ihren Kopf an zu belagern. Wie schön war es doch, als sie noch ganz alleine mit ihren geliebten Eltern zusammen wohnte.

Es liess sie nicht mehr los. Noch ein kurzes Zögern und schon zupfen ihre schmalen Finger an dem unteren Klebeband des grossen Geschenkes. „Niemand wird es bemerken, ich werde es gleich wieder zukleben“, beruhigt sie die nagende Stimme ihres schlechten Gewissens. Sie muss noch ein bisschen näher ran kommen, zu fest ist es verpackt und sie darf es nicht, wie gewohnt, arglos aufreissen. Nervös und angespannt schiebt sie sich näher. Sie muss jetzt einfach Gewissheit haben. Da! Da passiert es! Mit einer ungeschickten Handbewegung streift sie einen Ast. In Sekundenschnelle fällt eine dünne Glaskugel auf den Boden und zerbricht, wie ein Traum nur zerplatzen kann. Entsetzt erstarrt Sophie vollkommen. Sie kann es nicht glauben. Was hat sie bloss angerichtet? Was wird ihre Mama sagen? Werden sie nun überhaupt Weihnachten feiern? Das Mädchen hat keine rosa gefärbten Backen mehr. Ihr Gesicht hat eine leichenblasse Farbe angenommen.

Langsam löst sich ihre Erstarrung. Sie nimmt eine Serviette vom Tisch und sammelt mit zittrigen Händen die Scherben darin ein. Mit ihrem kleinen Papiersäckchen unter ihrem dicken Wollpullover schleicht sie sich die Treppe nahe dem Geländer hinauf. In ihrem Schlafzimmer macht sie kein Licht an, sondern vergräbt sich mit ihren Kleidern tief unter ihre Bettdecke. Schon bald fängt sie an zu schwitzen, doch das merkt das schuldbewusste Ding nicht einmal, sie wünscht sich nur einzuschlafen. Am Morgen wird sie sicherlich merken, dass alles nur ein böser Traum war. Oder vielleicht will es ja heute Nacht gerade der Zufall, dass eine Zauberfee vorbei fliegt. Mit diesen Wünschen und dem fernen Summen ihrer Mutter, die immer noch probiert, ihre zwei Jüngsten zum Schlaf zu bewegen, übermannt schliesslich der Schlaf das Mädchen.

Ein wenig später drückt die Frau, die ihre Aufgabe als Hausfrau und Mutter mit voller Hingabe und grosser Ernsthaftigkeit angeht, einen Kuss auf Sophies Stirne und stellt die Heizung im Zimmer auf die unterste Stufe. „Warum ist meine Kleine wohl so schweissüberströmt“, fragt sich Sophies Mutter, „sie wird sich doch keine Grippe eingefangen haben? Nein, es ist wohl die ganze Aufregung und Vorfreude auf den morgigen Tag!“ beruhigt sich die Frau mittleren Alters und kann es kaum mehr erwarten, ihre Beine ein bisschen zu strecken.

Der Morgen kündet sich mit einem gewaltigen Sonnenaufgang an. Es hat aufgehört zu schneien. Langsam kriecht Sophie unter der Decke hervor. Im ersten Moment ist sie verwundert: „Wieso hat sie mit allen ihren Kleidern im Bett geschlafen? Irgendwas war doch da! Was ist bloss passiert?“ Und mit einem Schlag fällt ihr alles wieder ein. Gerade will sie wieder nach der Bettdecke greifen, als sie die Mutter ihren Namen rufen hört.

Der Geschmack des selbst gebrauten Kaffees dringt durch das Haus. Langsam und schwer- fällig steigt sie die Treppe runter. Alle sind schon versammelt vor dem Weihnachtsbaum. Das Elternpaar ruft schon von weitem: „Fröhliche Weihnachten, Sophie!“ Die Zwillinge krähen vergnügt und krabbeln auf dem weichen Schafpelz vor dem Sofa herum.

Misstrauisch beäugt das Mädchen, wie ihre Mutter anfängt, die Kerzen anzuzünden. Doch es scheint, sie haben beide nichts bemerkt. Verwirrt probiert sie erleichtert zu sein.

„Schau Sophie, das ist unser Geschenk für dich!“ Mit diesen Worten und einem liebevollen Lächeln drückt die Hausfrau ihrer ältesten Tochter das grösste von allen Geschenken in die Hand. Ein dicker Klumpen steckt in Sophie’s Hals. Aus dem Geschenkpapier kommt ein wunderschöner lilafarbiger Pullover raus. Sie erinnert sich, wie ihre Mutter sie mitgenommen hat auf einen Markt in dem nächstgelegenen Dorf. Stolz ist sie Hand in Hand mit ihrer Mom zwischen den Ständen entlang geschlendert. Dort haben sie diesen Pullover gesehen. Doch heute kann Sophie keine Freude spüren, sie murmelt mit gesenktem Kopf ein Dankeschön.

Sie nimmt nicht weiter wahr, wie Geschenke an die ganze Familie verteilt werden. Ihr Kopf dröhnt und fühlt sich leer an. Plötzlich hört sie wie von weitem ihren Namen rufen. „Sophie, Kleines, bist du noch am schlafen?“ Ruckartig schaut sie auf. Ihr Vater deutet auf die letzte, rote Schachtel unter dem Baum: „Schau, dieses Jahr haben wir noch ein zweites Geschenk für dich.“ Es war das andere, gleich grosse Paket, in welchem sie das Geschenk für ihren zweiten Zwillingsbruder vermutet hat. Benommen und artig öffnet sie auch dieses … Schlittschuhe … Ihre Augen füllen sich mit Tränen und schon kullern sie auch über die Backen. Sie hat das nicht verdient!

Als nächstes spürt sie die schützenden Arme von ihrer geliebten Mama um ihre Schultern, sie schluchzt auf und beginnt mit immer wieder neuen Tränenausbrüchen alles zu erzählen.

Als das Weinen langsam verebbt, schaut ihre Mutter ihr tief in die Augen und sagt mit weicher Stimme: „Weisst Du, mein kleines Mädchen, eigentlich feiern wir doch Weihnachten, weil das Christkind vor vielen Jahren geboren wurde. Er kam auf diese Welt, weil er uns von Anfang an so sehr geliebt hat und er uns ein Licht und Retter sein will. Gerade wegen unseren Fehler und Schmerzen kam er. Es ist ganz einfach, du kannst jederzeit zu ihm gehen und ihm alles sagen. Er wird dich mit offenen Armen empfangen.“

Die Worte ihrer Mutter berühren Sophie tief in ihrem Herzen. Ihre Mutter liebt sie immer noch! „Wie töricht war ich doch!“ denkt das kleine Mädchen, „wie konnte ich nur daran zweifeln, ob wir nun trotz meines Patzers Weihnachten feiern. Meine Mama hat Recht, in der Sonntagsschule hat die Lehrerin doch genau dies als unsere Weihnachtsgeschichte erzählt. Aber es ist nicht nur eine Geschichte. Es ist gerade in meinem Leben passiert“, staunt die Kleine weiter. Mit diesen Gedanken erfüllt sie ein tiefer Frieden.

„Ui, mir fängt wirklich der Magen an zu knurren“, ruft der stolze Familienvater plötzlich aus, „lasst uns frühstücken.“ Unbeschwert sassen bald alle an dem runden Küchentisch. Alle erzählen munter darauflos, was sie an diesem Weihnachtstag noch vorhaben, sogar die Zwillinge plappern immer wieder dazwischen; natürlich in ihrer eigenen, unverständlichen Sprache.

Die Mutter bringt an diesem Abend Sophie zu Bett und die beiden reden noch lange und ernsthaft zusammen über die Unsicherheiten, die das Mädchen am Heiligen Abend überfallen haben. Erst spät kehrt eine grosse Ruhe in das Bauernhaus in Kiruna ein.

Nur bei einem Blick auf den Vollmond, umringt von den vielen kleineren und grösseren Sternen, könnte man meinen, es sei ein ganzer Chor damit beschäftigt, ein Weihnachtslied zu singen.

 


© G.S.

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