Frau Rosa Niedermann räumt den letzten Teller in die Geschirrspülmaschine und schliesst sie mit einem leisen Seufzer. Es war ein langer Tag, doch endlich steht die verdiente Nachtruhe bevor. Zuerst wird sie ihren beiden Kindern noch eine Gutenachtgeschicht erzählen. Dieses Ritual bedeutet für alle einen beruhigenden und guten Abschluss eines ereignisreichen Alltages. Die vierjährige Chiara findet darin einen sanften Übergang ins Reich der Träume, aber auch ihr drei Jahre älterer Bruder Joel hört jeweils mit Begeisterung zu.
Schon auf dem Korridor ist das laute Gezanke von Chiara und Joel zu hören. Die Mutter ruft mit energischer Stimme: „Kinder, Kinder, jetzt ist aber wirklich genug mit dieser Streiterei! Um was geht es denn jetzt wieder?“ Chiara stürzt sich schluchzend in die Arme ihrer Mama. Gleichzeitig erklären ihr beide die Situation und versuchen sie zu überzeugen, dass der andere schuld sei. Es ist ein heilloses Durcheinander und die Worte von Chiara und Joel überschlagen sich. Rosa nimmt ihre Tochter und setzt sie auf den Bettrand: „So verstehe ich überhaupt nichts. Es ist jetzt sowieso Zeit, Schlafen zu gehen. Macht euch jetzt friedlich bettfertig, dann erzähle ich euch noch eine Gutenachtgeschichte.“ Joel ruft schnell: „Ja, aber die Drachengeschichte, Mama!“ „Nein, nein, ich will Winnie Poo!!“ entgegnet Chiara weinerlich. Und schon fangen sie wieder an zu streiten.
„Chiara! Joel! Jetzt seid mal ruhig. Ich habe doch heute eine neue, ganz besondere Geschichte für euch, die wirklich passiert ist!“ Neugierig blicken die vier Kinderaugen ihre Mutter an. Plötzlich sind sie ganz schnell und miteinander versöhnt in Chiara’s Bett geschlüpft . Frau Niedermann drückt Chiara ihren Teddybär in die Hand und deckt die beiden mit der Bettdecke zu. Gespannt warten sie auf die kommende Geschichte.„Schon in fünf Tagen ist Weihnachten und ich möchte euch erzählen, wieso wir dieses Fest eigentlich feiern. Vor vielen, vielen Jahren wurde in dem fernen Land Israel ein König geboren, ein König der später das Leben vieler Menschen veränderte. Seine Eltern hiessen Maria und Joseph. Maria trug ihr Baby immer noch in ihrem Bauch als sie sich auf den langen Weg machten in den Ort Bethlehem. Denn der Kaiser Augustus, der damals regierte, wollte genau wissen, wieviele Familien eigentlich Steuern an ihn bezahlten. Dafür musste sich jeder in der Stadt melden, in der er geboren worden war. Nach Bethlehem war es nun ein langer und beschwerlicher Weg für Maria, ihr Bauch war schon dick und ihr Baby konnte jeden Moment auf die Welt kommen. Weisst du noch Joel, als deine Schwester in meinem Bauch war, da war ich auch immer müde.
„Ja, ja, und kurz bevor sie geboren wurde, musste ich dir sogar in die Schuhe helfen, weil du dich nicht einmal mehr bücken konntest!“ erwidert Joel grinsend.
„Stimmt Joel“, lacht Rosa bei dieser Erinnerung. „Und genauso bat Maria an diesem Abend ihren Verlobten Joseph, bald eine Möglichkeit zum Übernachten zu suchen, sie war wirklich sehr erschöpft. Doch alle Unterkünfte waren schon ganz voll und die beiden fanden nirgendwo ein Zimmer zum Übernachten. Aber der Besitzer eines Gasthauses hatte Mitgefühl mit Maria als er sie so sah, und er erlaubte ihnen, dass sie die Nacht in seinem Stall verbringen durften. Der Stall war schmutzig und dunkel. Doch Joseph war froh, dass sie einen Unterschlupf gefunden hatten. Für Maria war es auch keinen Moment zu früh, denn noch in dieser Nacht kam ihr Baby Jesus auf die Welt.“
Chiara murmelt mit schläfriger Stimme: „Mama, und das war der König?“
„Ja, und morgen erzähle ich euch die Geschichte weiter.“
„Gute Nacht, Mama!“ Frau Niedermann gibt ihrer Jüngsten einen Kuss auf die Stirne und beobachtet lächelnd, wie sie erleichtert den Kampf gegen den Schlaf aufgibt. In der nächsten Minute sind schon die ruhigen Atemzüge eines vierjährigen Mädchens zu hören.

Ihr älterer Bruder hat sich mittlerweile gedankenverloren in sein Bett zurückgezogen. Frau Niedermann kniet sich davor und streicht ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. „Gute Nacht, Joel.“
Immer noch vertieft in die Geschichte, fragt er mit kluger Stimme: „Aber Mama, Könige wohnen doch in Palästen, die vergoldet sind. Er hat eine Menge Diener, die alles für ihn erledigen.“ Joel runzelt die Stirne: „Warum war denn der König Jesus in einem schmutzigen Stall? Und was ist so besonders an diesem König? Und was hat das mit unserem Weihnachtsfest zu tun?“ Seine Fragen wollen kein Ende nehmen.
Die Mutter sieht, wie sehr es ihren Sohn beschäftigt. „Morgen Abend erzähle ich die Geschichte weiter“, wiederholt sie. „Aber ich verrate dir noch ein paar Dinge.“
„Jesus, war ein besonderer König, weil Gott ihn gesandt hat, er ist der Sohn von Gott. Denn der Vater im Himmel sah, wieviele Menschen leiden, und wie die Menschen auch immer ganz viele Fehler machten. Jesus ist gerade auch für die ärmeren Leute auf die Welt gekommen. Für diejenigen, die nicht zu stolz sind, um seine Hilfe anzunehmen. Er hat uns vieles gelehrt und gezeigt, wie wir leben sollen, dass wir nicht nur an uns selbst denken und nett sind zu den Menschen, mit denen wir zusammen leben. Am Schluss ist er sogar gestorben, damit alle Fehler vergeben werden können, wie du manchmal Chiara vergibst, wenn sie böse zu dir war, aber sie sich dann bei dir entschuldigt. So finden alle Menschen Vergebung bei Jesus. An Weihnachten feiern wir, dass er geboren wurde. Es ist wahr, er hat nicht in einem Palast gewohnt, sondern ganz normal wie alle anderen Menschen damals. Aber Joel, findest du das nicht auch besonders schön, dass Gott uns noch viel besser verstehen kann, weil er durch seinen Sohn ganz normal mit allen anderen Menschen gelebt hat?“
Noch ein wenig verwirrt, aber doch bedächtig, nickt der kleine Junge, der sich in diesem Moment gar nicht so klein vor kam.
„Aber jetzt heisst es schlafen, mein Junge. Morgen ist auch noch ein Tag. Vergiss nicht, nach der Schule wollen wir auf den Weihnachtsmarkt, da müssen wir alle ausgeruht sein.“
„Gute Nacht, Mama!“ Rosa knipst das Licht aus und schliesst leise die Kinderzimmertür.

Wie geplant holen Chiara und ihre Mutter Joel am nächsten Mittag von der Schule ab. Beide sind wieder voller Energie und kaum zu bändigen. Was für eine Aufregung auch! Sie werden sogar auf dem Weihnachtsmarkt zu Mittag essen.
Es herrscht eine klirrende Kälte. Aber um so schöner leuchten die bunten Farben in den geschmückten Holzständen des Marktes. An einem sind es die Kerzen, am anderen die Glaskugeln für den Weihnachtsbaum. Chiara betrachtet staunend die vielen Engel, die weiss und glitzernd an einem Regal baumeln. Sie kommen alle drei nicht mehr aus dem Staunen und Bewundern heraus. Nur der knurrende Magen kann sie aus dieser verzaubernden Atmosphäre reissen.
Nachdem jeder unter dem Schutz eines Holzdaches eine Bratwurst verzehrt hat, gönnt Rosa zum Äufwärmen allen noch eine heisse Schokolade. Sie schmeckt einfach herrlich!
Jetzt kommt der Höhepunkt dieses Tages: Joel und Chiara dürfen sich ein Weihnachtsgeschenk aussuchen! Sie erhalten immer zwei Geschenke: eines welches sie selbst auswählen und das Zweite ist eine Überraschung von ihren Eltern.
Seit sie an dem Stand mit den Handpuppen vorbeigekommen sind und Joel dort einen rot-grünen Drachen aus Filz gesehen hat, ist es schon entschieden für ihn, was sein Weihnachtsgeschenk werden soll.
Kurzerhand kauft seine Mutter ihm die Handpuppe; sie weiss, wie sehr ihn die Drachengeschichten aus den Bilderbüchern begeistern. Der kleine Junge besteht darauf, sein Geschenk in der Plastiktüte selbst zu tragen; seine Wangen glühen voller Stolz.
Chiara ist wesentlich unentschiedener. So viele schöne Dinge gibt es auf diesem Markt. Aber am meisten haben es ihr doch die Holztiere angetan. Alle Arten sind vertreten, wie sie sie sonst nur vom Zoo kennt. Nachsichtig geht die Mutter mit ihr die Tiere durch, von dem Giraffe über den Elefanten bis zum Schimpansen.
„Mama, Mama!“ Joel zupft ungeduldig an ihrem Mantel herum. „Joel, was ist denn?“ fragt die Mutter leicht genervt. „Ist dem Jungen, der dort Musik macht, nicht kalt? Wieso spielt er im Winter draussen Musik?“ Frau Niedermann folgt seinem Blick. In einer Ecke spielt ein etwa zehnjähriger Junge auf einer kleinen Trommel und singt zusammen mit seinem Vater ein Lied in einer fremd klingenden Sprache. Sie geben wirklich ein mitleiderregendes Bild ab bei diesen Temperaturen. „Armer Junge“, denkt sie und sagt zu Joel gewandt: „Die beiden betteln; sie spielen Musik, damit die Leute ihnen ein bisschen Geld in den Hut werfen. Nicht alle Leute haben genug Geld, um Essen zu kaufen. Aber Joel, lass mich jetzt mit Chiara noch das Geschenk aussuchen, es fängt auch schon wieder an zu schneien, wir müssen gleich nach Hause.“
Joel schaut weiterhin betrübt dem Jungen zu. Er überlegt sich: „Wenn er nicht genug zu essen hat, kann sein Vater ihm denn überhaupt ein Geschenk kaufen? Wird er überhaupt Weihnachten feiern?“ Er tritt von einem Bein aufs andere, eine Idee reift schnell in seinem Kopf und impulsiv huscht er schon weg von der Seite seiner Mutter.

Nachdem Rosa Niedermann ihr Wechselgeld für das von Chiara ausgesuchte Zebra entgegen genommen hat, will sie sich ihrem Sohn zuwenden und muss feststellen, dass er verschwunden ist. „Wo ist Joel ?“ fragt sie besorgt und sieht sich suchend um. Endlich finden ihre scharfen Augen die bekannte, grün karierte Jacke. Er ist bei dem Vater von dem Jungen, der Musik gespielt hat. Dieser gestikuliert wild, Joel sieht ganz verschüchtert aus und seine Mutter erkennt sofort, dass Joel mit den Tränen kämpft. Der Bettler hat auch noch die Plastiktüte mit dem Drachen in seiner Hand! Zuerst der Schreck über das Verschwinden von Joel und dann dieses Bild. Was zuviel ist, ist zuviel!
Sofort eilt Mutter Rosa mit Chiara an der Hand zu der kleinen Gruppe und schimpft: „Lassen sie meinen Jungen in Ruhe und geben sie ihm sofort seine Tasche wieder zurück! So etwas von unverschämt und das an Weihnachten! Sie können von Glück sagen, dass ich nicht die Polizei rufe!“
Mit diesem Ausbruch zieht sie schützend Joel an sich und fragt besänftigend: „Alles in Ordnung, mein Kleiner?“
Jetzt kullern tatsächlich Tränen über seine Wangen. Verzweifelt stösst er aus: „Ich wollte doch nur dem Jungen mein Weihnachtsgeschenk geben, aber der Vater von ihm hat es mir nicht erlaubt.“
„Was wolltest du? Das ist doch das Geschenk von deinem Papa und mir für dich! Du kannst es doch nicht einfach weitergeben!“ entgegnet sie entsetzt.
„Aber Mama, du hast uns doch von dem besonderen König Jesus erzählt, dass er die Menschen gelehrt hat, mit den Ärmeren zu teilen. Dieser Junge hier hat kalt, zu wenig zu essen und bekommt sicher auch kein Weihnachtsgeschenk.“ Nun fängt Joel, von den Emotionen überwältigt herzzerreissend an zu schluchzen.
Beschämt über sich selbst, nimmt Rosa ihren Joel in die Arme. „Es ist eine Sache, die Weihnachtsgeschichte zu erzählen, aber eine andere, sie ins Leben zu integrieren“, denkt sie für sich.
Sie drückt Joel noch fester an sich und ist selbst den Tränen nahe. „Komm Joel, gib ihm das Geschenk, ich werde seinem Vater erklären, dass es in Ordnung ist.“ Der Bettler hat zwar von allem kein Wort verstanden, doch die Gestik der Entschuldigung und ein beruhigendes „Okay“ ist für jedermann verständlich. Noch etwas eingeschüchtert von Frau Niedermann’s Wutanfall legt er seine rechte Hand aufs Herz und bedankt sich mit einer leichten Verbeugung. Der zehnjährige Junge erforscht überglücklich den Inhalt der Tüte und scheint seine kalten Hände überhaupt nicht mehr zu bemerken.

Dieses Jahr liegen an Weihnachten wie immer zwei Pakete für Joel unter dem Weihnachtsbaum, aber er kennt diesmal von beiden den Inhalt nicht. Ich verrate euch was in dem einen drin ist: Es ist eine Handpuppe- ein rot-grüner Filzdrachen, den seine Mama am nächsten Tag noch heimlich gekauft hat.

Viel Spass beim Spielen, Joel – und frohe Weihnachten!

 


© G.S.

image_pdf